Geschichte, Form und Funktion in der Einzelhandels-Architektur

Freitag 3 November 2017


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Geschichte, Form und Funktion in der Einzelhandels-Architektur

Wer in unserer schnelllebigen Welt überleben möchte, muss sofort auf Veränderungen reagieren können. Die Baubranche scheint hier allerdings eine Ausnahme zu sein. Stadtentwicklungen, Infrastrukturen und Gebäude werden immer mit einem langen zeitlichen Vorlauf geplant und realisiert. Bürogebäude, Krankenhäuser oder Einkaufszentren haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 50 Jahren: So lange müssen die bauliche Konstruktion und die verwendeten Materialien mindestens halten. Das rechtfertigt die Investition und ist auch aus dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit wünschenswert. Aber erfüllen diese Gegebenheiten überhaupt noch die Anforderungen von heute?

Die Städte sind voll von leerstehenden Bürogebäuden und anderen nicht benutzten Immobilien. Dieser Flächenüberschuss ist die Folge einer veränderten Nachfrage: Die Menschen arbeiten immer häufiger zu Hause oder an flexiblen Arbeitsplätzen, der feste Schreibtisch im eigenen Büro wird mehr und mehr verschwinden. Es liegt auf der Hand, dass leerstehende Gebäude umgebaut und neuen Formen der Nutzung zugeführt werden. Aber ein Gebäude, das für eine bestimmte Funktion entworfen wurde, lässt sich oftmals nicht so einfach für eine andere Funktion umgestalten.

Form follows function

Das Prinzip ‚form follows function‘ gehört seit fast einem Jahrhundert zum Credo der Architektur. Der Nutzungszweck eines Gebäudes bestimmt seine Struktur. So hat ein traditionelles Bürogebäude eine regelmäßige (Säulen-)Konstruktion, mit getrennten Büros zur Fensterseite hin und einem Flur in der Mitte des Gebäudes. Wenn man daraus ein Geschäft oder ein Warenhaus machen möchte, muss man diese Struktur rigoros verändern. Sowohl Säulen als auch Tageslicht sind oftmals nicht erwünscht.  

Architektur als Markenträger

Wenn es um Architektur für den Einzelhandel geht, wird die Form allerdings nicht ausschließlich von der Funktion geprägt. Wichtig ist auch die Frage, was das Gebäude an diesem Standort für die Marke und für die Markengeschichte bedeutet.

Die Rolle, die das Gebäude für die Marke spielt, lässt sich in vier Typen einteilen:

  • Flagship-Store oder Markenshop                              
    • hoher Wiedererkennungswert, ausgeprägte Form, die Marke ist führend
  • Stand-Alone-Store
    • hoher Wiedererkennungswert, ausgeprägte Form, funktional
  • Konventionelles Geschäft
    • Funktional, austauschbar
  • Shoppingcenter
    • hoher Wiedererkennungswert, ausgeprägte Form, funktional

Der Unterschied besteht darin, in welchem Ausmaß die Marke Teil der Architektur ist. Bei einem Flagship-Store oder Markenshop kann die Marke sogar die äußere Form bestimmen.  Als Beispiel nennen wir hier das Prada Epicenter in Tokio und den Samsung Flagship-Store in New York. Die Form ist hier eine direkte Übertragung des Markenerlebnisses bzw. der Markengeschichte. Die Architektur kümmert sich nur wenig um die bauliche Umgebung, in der sie sich befindet. Die Produkte, die dort verkauft werden, sind von nachrangiger Bedeutung: Das Geschäft ist mehr ein Schaufenster der Identität der Marke. Ein Umbau zu einer anderen Funktion oder Marke ist wegen des ausgeprägten Charakters nicht einfach.

Für einen Stand-Alone-Store einer Marke gilt, dass die Formgebung dem folgenden Kreis folgt: form follows story follows function. Die praktische Ausführung der funktionalen Anforderungen wird auf einen Stand-Alone-Store übertragen. Die Marke ist hier ein wichtiger Absender, aber die Architektur ist weniger ausgeprägt. Es besteht ein Gleichgewicht zwischen den dort verkauften Produkten, den funktionalen Anforderungen und der Formgebung des Gebäudes in seiner Umgebung. Ein Umbau zu einer anderen Marke mit derselben Funktion ist möglich; ein Umbau zu einem Gebäude mit einer anderen Funktion ist eine komplexe Herausforderung.

Konventionelle Geschäfte findet man in den Einkaufsstraßen aller Städte und Dörfer. Diese Ladengeschäfte sind Teil eines Gesamterlebnisses einer Straße und wurden für die Unterbringung mehrerer Marken und Funktionen entworfen. Es passiert daher regelmäßig, dass ein Geschäft umgebaut wird, zum Beispiel vom Schuhgeschäft zur Parfümerie oder vom Buchladen zur Metzgerei. Die Fassade ist das einzige architektonische Element, in dem sich die Marke in der Straße präsentieren kann. Aber weil die Fassade auch bestimmte behördliche Auflagen erfüllen muss, wird ihr Charakter immer mehr oder weniger zurückhaltend sein.

In erster Linie scheint es bei einem Shoppingcenter anders zu sein, denn dieses beherbergt ja schließlich mehrere Funktionen, Geschäfte und Marken. Es ist also eigentlich eine überdachte, aufeinandergestapelte Einkaufsstraße. Eine rein funktionale Form scheint hier somit angebracht zu sein. Die Umgebung, das logistische Routing, der Grundriss und die Kundenströme prägen die Struktur.

Aber auch Shoppingcenter werden (und müssen) sich als Dachmarke profilieren. Diese Markenidentität sehen wir in der Architektur des Gebäudes wieder. Und wegen der Fläche und des Raumes, die das Gebäude in der Umgebung beansprucht, eignet sich ein Shoppingcenter oftmals hervorragend für ein architektonisches Statement.

Das erfordert allerdings eine rigorose Veränderung der bestehenden Einkaufszentren mit ihrer strikten Konstruktionsstruktur. Die geschlossenen Fassaden und niedrigen Decken müssen aufgebrochen werden, um Platz zu schaffen für Licht und Raum. Die großen geschlossenen Klötze in den Dörfern und Städten weichen dann einer offenen, transparenten, attraktiven und einladenden Architektur, die an die neuen Funktionen und modernen Markengeschichten anschließt. Und hoffentlich an die der nächsten 50 Jahre.

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